Stumme Zeugen

Waldbrände Korinth 2007

Fotos: Vassilis Chatzivassios
Texte: Anastasia Charalambous-Becker
Rüsselsheim 2009

Im Dezember 2006 habe ich das antike Olympia, Mykene und andere Orte auf dem Peloponnes besucht. Dieser
erste Besuch, die erste Bekanntschaft mit jener Landschaft war für mich bezaubernd. Ich fragte mich, wie es den alten
Griechen gelungen ist, sich derart beeindruckende Orte für ihre religiösen und sportlichen Aktivitäten auszusuchen: in
Olympia, in Delphi, in Mykene. Manche Fotos, die ich an diesen Orten geschossen habe, gefielen mir besonders gut.

Die dramatischen Ereignisse acht Monate später auf dem Peloponnes im Sommer 2007, die großen Waldbrände, die
verheerende Naturkatastrophe, das Beklagen von Menschenleben habe ich intensiv über das griechische Fernsehen,
die Nachrichtenagenturen und die detaillierten Beschreibungen von Journalistenkollegen erleben müssen.

Frisch noch begleitete mich die Erinnerung an die Pracht und das Unbefleckte dieses Landschaftsstrichs. Ich konnte
mir nicht vorstellen, diese Landschaft in einem zerstörten Zustand durch die Hand gewissenloser Menschen zu erleben,
ich konnte nicht den Gedanken ertragen, dass die Magie der Landschaft zweifach zum Opfer gefallen ist: namenlosen
Brandstiftern und einer unfähigen staatlichen Maschinerie, die nicht in der Lage war, sie zu schützen.

Die Waldbrände haben den ganzen Sommer 2007 über an Aktualität nichts verloren, das Thema beherrschte die
Schlagzeilen und beschäftigte mich sehr. In Korinthia wollte ich die Regionen Sofiko und Akrokorinthos besuchen, Ortschaften, die besonders hart von der Wut des Feuers betroffen waren. Mein Ziel war nicht eine übliche Fotoreportage
zu vollenden, sondern herauszufinden, wie dieser grauenvolle Feuerorkan mit seinen verheerenden Folgen auf mich
wirkte.

Beim ersten Anblick eines von Feuer in Mitleidenschaft gezogenen Waldes in Sofiko fuhr ich an die Straßenseite. Ich
hielt das Auto an, stieg aus und lief zu Fuß einige Meter tiefer, um an den Waldrand zu gelangen. Es war an einem
Herbstnachmittag. Vor den ersten verbrannten Bäumen befiel mich ein Schaudern. In den Kopf kam mir die Szene aus
Homers Odyssee: Odysseus steigt in den kalten und finsteren Hades herunter, um seine Gefährten zu treffen. Langsam
entpuppte sich der liebliche Herbstnachmittag als ein kalter Abend.
Beim Anblick der Überbleibsel eines Waldbrandes, der völlig ausgebrannten Bäume und Büsche, versuchte ich auch
am Tag darauf das Schweigen der einzelnen Bäume zu begreifen in der Burg von Akrokorinthos, nah der Stadt Korinthos.
Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Bäume sich vor das Feuer gestellt hätten, als Vorhut, um den Wald
zu retten.

Vassilis Chatzivassios

Nach jeder Belagerung ist der Anblick erbärmlich. Bei den Schlachten von Menschen wird alles dem Erdboden
gleichgemacht, die Toten, regungslos auf der Erde, alles befindet sich in der Horizontale.
In den Wäldern, das hat übrigens der spanische Dramatiker Alejandro Casona schon gesagt, sterben die Bäume
aufrecht. Auch in Korinth, bei der Feuerbelagerung, konnten die Bäume keine Ausnahme sein. Über Protokolle oder
Augenzeugenberichte ihres eigenen einsamen Kampfes verfügen wir nicht.
Hätten die Bäume einen Mund und eine Zunge, hätten wir ihre allerletzten Stunden protokollieren und aufs Papier
bringen wollen, hätten die Bäume Folgendes berichtet.

Anastasia Charalambous-Becker

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